Archiv / Rede zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2006
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Der Stiftsruine Einklang

Eröffnungsrede Bad Hersfelder Festspiele 2006

In seiner berühmten “Rede über den Schauspieler“ sagte Max Reinhardt: „...die Leidenschaft, Theater zu schauen, Theater zu spielen, ist ein Elementartrieb des Menschen. Und dieser Trieb wird Schauspieler und Zuschauer immer wieder zum Spiel zusammenführen und jenes höchste, alleinseligmachende Theater schaffen. Denn in jedem Menschen lebt ... die Sehnsucht nach Verwandlung. Wir alle tragen die Möglichkeiten zu allen Leidenschaften, zu allen Schicksalen, zu allen Lebensformen in uns. ‚Nichts Menschliches ist uns fremd.’ Wäre das nicht so, wir könnten andere Menschen nicht verstehen, weder im Leben noch in der Kunst. ...
In den Kindern spiegelt sich das Wesen des Schauspielers am reinsten wider. Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten ... ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. ... Ihre Einbildungskraft ist zwingend. Das Sofa hier? Eisenbahn: schon knattert, zischt und pfeift die Lokomotive, ... und die Fußbank schwebt als Flugzeug durch alle sieben Himmel.
Was ist das? Theater, idealstes Theater und vorbildliche Schauspielkunst. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, daß alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird, das Zuschauer fordert, Zuschauer, die stumm ergeben und andächtig mitspielen. Dasselbe ist beim Schauspieler der Fall.
Es ist ein Märchen, daß der Schauspieler je den Zuschauer vergessen könnte. Gerade im Augenblick der höchsten Erregung stößt das Bewusstsein, daß Tausende ihm mit atemloser, zitternder Spannung folgen, die letzten Türen zu seinem Inneren auf.
... Der Mensch ... hat eine unwiderstehliche Lust, sich im Spiel seiner Phantasie von einer Gestalt in die andere, von einem Schicksal ins andere, von einem Affekt in den anderen zu stürzen. ... Er erlebt dabei alle Entzückungen der Verwandlung, alle Ekstasen der Leidenschaft, das ganze unbegreifliche Leben im Traum.
Wenn wir nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen sind, dann haben wir auch etwas von dem göttlichen Schöpferdrang in uns. Deshalb erschaffen wir die ganze Welt noch einmal in der Kunst, mit allen Elementen; ...
Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters.
Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen.
Die Schauspielkunst ist aber zugleich die Befreiung von der konventionellen Schauspielerei des Lebens, denn: nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung. Wir können heute über den Ozean fliegen, ... aber der Weg zu uns selbst und zu unserem Nächsten ist sternenweit. Der Schauspieler ist auf diesem Weg. Mit dem Licht des Dichters steigt er in die noch unerforschten Abgründe der menschlichen Seele, seiner eigenen Seele, um sich dort geheimnisvoll zu verwandeln, und Hände, Augen und Mund voll von Wundern, wieder aufzutauchen.
Er ist Bildner und Bildwerk zugleich; er ist der Mensch an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, und er steht mit beiden Füßen in beiden Reichen.
Die autosuggestive Kraft des Schauspielers ist so groß, daß er nicht nur innere seelische, sondern ohne technische Hilfsmittel tatsächlich auch äußere körperliche Veränderungen hervorzubringen vermag. Und wenn man an jene vielbesprochenen Wunder denkt, die sich zu allen Zeiten und an vielen Orten ereignet haben, wo einfache Menschen die Passion mit so starker Einbildungskraft erlebten, daß ihre Hände und Füße Wunden aufwiesen und daß sie wirklich blutige Tränen weinten, so kann man ermessen, in welch rätselhafte Gebiete die Schauspielkunst führen kann. Es ist dies derselbe Prozeß, den Shakespeare beschreibt, wenn er sagt, daß der Schauspieler sichtlich Miene, Gestalt, Haltung, das ganze Wesen verändern und um ein fernes oder erdichtetes Schicksal weinen – und weinen machen kann.“
Soweit Max Reinhardt.

Nun, so sehr sich auch die Schauspieler und die Zuschauer im THEATER, dem griechischen Wort für SCHAUSTÄTTE, gegenüberstehen- und sitzen, so erhofft man doch von einem Theaterabend ein möglichst gemeinschaftliches Erlebnis, was Goethe so ausdrückt:
„Die Bühne und der Saal, die Schauspieler und die Zuschauer machen erst ein Ganzes.“ Und so läßt auch Goethe seinen Dichter im „Vorspiel auf dem Theater“ ausrufen:
„Ist es der EINKLANG nicht, der aus dem Busen dringt
Und in sein Herz die Welt zurückeschlingt?!“
Ja, wenn diese Wechselwirkung zwischen den Spielenden und dem Publikum entsteht, das gehört zu den beglückendsten Reizen einer Aufführung, wobei natürlich auch der Aufführungs-RAUM eine bedeutende Rolle spielt.
Und was hätte Max Reinhardt, der ja die Salzburger Festspiele mit begründete, wohl zu der hiesigen Stiftsruine gesagt?
Um sich dieser verbal ein bisschen anzunähern, kann man mit Freude in dem kleinen Gedichtband „Der sprechende Stein“ des 1980 verstorbenen und Bad Hersfeld sehr verbundenen Gerhard Uhde blättern, das vor 50 Jahren erschienen ist. Da heißt es u.a.:

Wer einmal dich gesehen, Steingefüge,
der sah auf Erden, wo die Heimat ist,
der trägt in sich das Bild der Bogenzüge
wie ein Gesetz, das ihn hinfort durchmisst.

Es wirkt in ihm gerundete Vollendung,
beseelte Überwindung des Gewichts,
der Drang des Geistes zu der Aufwärtswendung
in das Gefilde höheren Gesichts.

Verwittert ist die Schrift auf Epitaphen,
die hohen Fenster aber sind geblieben,
und alle, die vor Jahren hier entschlafen,
sind dennoch ins Gesicht der Zeit geschrieben.

Nichts ging verloren, nichts ist noch verhallt
für unsre Sinne, die den Zeichen offen.
Wir werden stets in dieses Raums Gewalt
von Stein und Geist, von Klang und Wort getroffen.

Und natürlich wird auch von den Vögeln gesprochen:

Daß ihr hier wohnt im würdigen Gemäuer,
ihr Mauersegler, Eulen, Dohlen, Tauben,
macht uns den Stein um eure Wärme teurer,
und euer Flug beflügelt unsern Glauben.

Nun, der ich auf zahllosen Bühnen gestanden habe, von Kellerbühnen angefangen über das Wiener Burgtheater bis zu Jahrhunderthallen, und von Rathaus- und Klosterhöfen bis zum Herodes-Attikus-Theater in Athen, für mich ist diese Stiftsruine die mit Abstand am meisten faszinierende Spielstätte. Warum?

Es sind diese abgerissenen Mauern, die in der Tiefe der Erde ankern und sich gleichzeitig nach oben in die Unendlichkeit fortsetzen lassen;
es ist dieses spannende Hin- und Herpendeln zwischen den Polen der steinernen Realität unten und einer freizügigen Irrealität oben;
es ist diese Geborgenheit, die man in diesen umschließenden, wenn auch nach oben offenen Mauern empfindet, und gleichzeitig das Abfedern in die Ungebundenheit der Imagination;
es ist diese hermetisch abgeriegelte Einsamkeit, die dennoch den Einflüssen der Außenwelt ausgeliefert ist: des Wetters in jeglicher Form, des Vogelgezwitschers, des Glockengeläutes und des – oft auch
störenden – städtischen Lärms;
alles bereitet zur Meditation und Kontemplation, aber sehr wache Aufmerksamkeit fordernd;
es sind diese klaren Mauerumgrenzungen des Längsschiffs, die Bühnen- und Zuschauerraum einheitlich verbinden, und die man sogar mit einem rollenden Zeltdach abdecken kann, es sind aber im Bereich des Querschiffs und der Apsis auch die herrlichen Verschneidungen, die sich dem trotzig widersetzen;
es ist ein aufregender und sehr widersprüchlicher Raum, Ruhe versprechend und zur Unruhe verleitend, ein höchst lebendiger Raum, dessen Vielklang sich aber harmonisch kanalisiert zu einem EINKLANG.

Möge dieser wunderbare Raum bewahrt bleiben vor den sogenannten EVENTS, in denen die Bedeutung „Eventualität“ steckt, also Zufälligkeit, Beliebigkeit, Ablenkung, Zerstreuung und Einlullung. Wenn schon LULL, dann lieber gleich LULLUS, also im Geiste des Bischofs, der schon im achten Jahrhundert Hersfeld geprägt hat. Denn dieser Raum ist ein spiritueller Raum für FESTE zur BeFESTigung künstlerischer Erlebnisse und zur Vertiefung unseres Bemühens um ein humanes Fühlen und Denken, durchaus auch im Sinne der Vorstellungen Goethes und Schillers vom Theater.
Es ist ein Raum, der nach Theater schreit:
Musik- und Tanztheater, aber vor allem auch SPRECHTHEATER. Möge er nach wie vor in erster Linie diesem dienen. Denn sein besonderer Reiz liegt auch darin, daß er mit dem reinen, natürlichen, unverfälschten Sprechton noch bewältigbar ist ohne künstliche Verstärkung. Und das hat noch eine ganz eigene und besondere persönliche ästhetische Qualität.

Goethe hätte sicher seine große Freude hier, war doch sein ganzes Bestreben, im Sinne einer gewissen Klassizität „KUNST und NATUR“ zu einer Einheit zusammenfließen zu lassen, nicht in Künstlichkeit auszuarten, aber auch nicht in einen übertriebenen Naturalismus zu verfallen. Und welcher Raum wäre für eine derartige Darstellungsweise, in der „Kunst und Natur“ zu einem EINKLANG werden können, geeigneter als diese Stiftsruine.

Lassen Sie mich auch mit einem Goethe-Satz schließen, einem Bekenntnis zur beglückenden Kraft des Theaters:
„Da ist Poesie, da ist Malerei, da ist Gesang und Musik, da ist Schauspielkunst und was nicht noch alles! Wenn alle diese Künste und Reize von Jugend und Schönheit an einem einzigen Abend, und zwar an bedeutender Stufe, zusammenwirken, so gibt es ein Fest, das mit keinem andern zu vergleichen.“