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Kultursprache – Sprachkultur

Dieses Thema ist viel zu weitreichend, als dass man es in kurzer Zeit mit ein paar allgemeinen Behauptungen umfassen könnte. Deshalb soll als Einstieg - „pars pro toto“ - nur auf einen ganz bestimmten Punkt eingegangen werden, der sich allerdings auf das gestellte Thema in hohem Maße auswirkt, gilt es doch, buchstäblich von den einfachsten Bausteinen unserer Sprache zu reden, derer man sich  eigentlich präzise bewusst sein sollte. Vielfache Proben beweisen aber, dass selbst hochgebildete Personen auf die simple Frage, welches z.B. der in der deutschen Sprache am häufigsten vorkommende Laut sei, mit einer derartigen Überlegung noch nie im Leben konfrontiert worden sind und daher spontan meinen: Das „a“ oder das „e“ oder das „n“ oder so ähnlich. Erst über weitere Umwege des Suchens kommen die Befragten zur Erkenntnis, dass sie auf einer ganz bestimmten Schiene befragt worden sind, aber ganz automatisch auf einer anderen Schiene eine Antwort finden wollten. Oder noch exakter ausgedrückt: Sie wurden nach einem bestimmten Laut gefragt, antworteten aber mit einem bestimmten Buchstaben. Das ist aber ein nicht zu unterschätzender Unterschied!
Nun, der besagte gesuchte Laut ist das sogenannte „Schwa“, das man bekanntlich in der in einer eckigen Klammer stehenden Lautschrift wie  ein kleines umgedrehtes „e“ schreibt, also in dieser Gestalt: „?“.
Ein ganzes englisches Wort wird beispielsweise so ausgesprochen, nämlich der unbestimmte Artikel „a“, etwa in „a boy“ oder „a book“. Oder im deutschen Wort „gelingen“ werden die erste und die dritte Silbe nicht bis zu einem „klaren e“ geführt, sondern nur zu einem „nebentonigen e“ oder eben „?“; auch  Wörter wie „Gabe“ oder „bedenken“ enthalten dieses „?“. Im Englischen wird es auch noch für weitere Buchstaben verwendet: Neben dem bereits  genannten „a“ beispielsweise auch für ein „o“ (wie in „harmony“) oder ein „u“ (wie in „medium“) und noch andere. Da es aber im Deutschen - und auch im Englischen - kein eigenes Schriftzeichen für dieses Schwa gibt, wissen viele Deutsche von der Existenz dieses Lautes überhaupt nichts.
Aber auch auf ungeschriebene Weise bedient sich der Mensch dieses Lautes recht häufig: Wenn er beispielweise während eines Gespräches beim Suchen nach dem nächsten Ausdruck immer wieder ein Schwa einfließen lässt: „...?...?..“. Auch wird mit diesem Laut in allen nur denkbaren Variationen gestöhnt, sei es aus Schmerz oder aus Lust und Verzückung.
Das Wort Schwa stammt übrigens aus dem Hebräischen und bedeutet soviel wie „nichts“, in unserem Falle also ein nicht näher definierter Vokal, ein mittlerer Zentralvokal oder neutraler Vokal, auch eine Art Mischung aus allen Vokalen ohne gezielte Ausprägung, auch als „Murmellaut“ bezeichnet.            
Er erscheint in deutschen Wörtern unbetont, in anderen Sprachen aber auch betont, zum  Beispiel im Slowenischen und Bulgarischen.

Aber Schmerzens- und Lustschreie können auch innerhalb deutscher Ausdrucksweise äußerst betont auftreten. Und wenn auch auf die Niederschrift dieser Laute üblicherweise verzichtet wird, sind sie in der mündlichen Kommunikation überreich vorhanden.
Dieses Beispiel mit dem Schwa-Laut lässt also klar erkennen, dass unser allge-meines Wissen um die Existenz und Art dieses häufigsten deutschen Lautes und um seine schriftliche Fixierung doch recht mangelhaft sind..
Und dieser Einsicht, dass wir uns im Zusammenspiel zwischen Lauten und Buchstaben nicht ganz sicher fühlen, möge zumindest noch ein Beispiel unter mehreren dienen, das vorwiegend für den österreichischen Raum zutrifft, nämlich unser Mangel an Sensibilität für stimmlose und stimmhafte Laute. So werden bei uns in der Regel  Wörter wie „Tank und Dank“ oder „Pein und Bein“ oder „bekehren“ und „begehren“ unterschiedslos gleichlautend, nämlich unbehaucht und stimmlos artikuliert, etwa wie ein mittelhartes „t“, „p“ oder „k“. Damit geht aber die klare Bedeutung dieser Wörter verloren. Nur aus dem Zusammenhang kann geschlossen werden, ob Tank oder Dank gemeint war, Pein oder Bein und bekehren oder begehren. Nun, das ist halt eine Eigenschaft des Dialektes, und Einflüsse des Dialektes darf es auch durchaus geben und man braucht nicht päpstlicher  als der Papst zu sein. Aber dessen sollte man sich doch wenigstens bewusst sein. Denn „peinlich“ wird es und nicht „beinlich“, wenn Berufssprecher, im wesentlichen also Schauspieler, Nachrichtensprecher und bestimmte Moderatoren, aber auch Vertreter akademischer Kreise diese  Artikulationsfärbung unseres Dialektes auf Fremdwörter anwenden. Fußballer und Sportreporter sollen ruhig vom „Drainer“ reden und einem vom Schiedsrichter fehlerhaft verhängten „Benalty“ und vom „Deam“-Geist der Mannschaft; schaurig wird es aber, wenn auch gebildete Schichten davon sprechen, dass die hohe Regierung oder Bankmanager ersten Ranges nun wie ein „Deam“ zusammengeschweißt handeln müssten und man sich diese oder jene „Dese“ – statt „These“ - zu eigen machen müsse, abgesehen davon übrigens, dass die beiden Begriffe „These“ und „Hypothese“ gerne durcheinandergebracht werden. Hier zeigt sich ein doch sehr  unkultiviertes Umgehen mit Sprache ganz deutlich. Man könnte als Vergleich heranziehen: Wenn man bei einer Wanderung ein Butterbrot und eine Gurke mit der bloßen Hand isst oder den berühmten „Erdapfelsalat aus dem Glasl“ löffelt, so ist das völlig normal, weil es zur Situation passt. Wenn man das aber im Restaurant unter Verzicht auf Teller und Besteck tut,  wirkt es geradezu provozierend deplatziert und hat mit Essens-Kultur nicht mehr das Geringste gemeinsam. 
Nun, dieses österreichische fehlende Gespür für stimmlose und stimmhafte Laute zeigt sich auch  in der Aussprache des „s“, das im Anlaut und Inlaut zumeist in falscher Weise stimmlos statt stimmhaft ausgesprochen wird, sehr oft auch von hochgebildeten Personen; also Wörter wie singen, sagen, sausen, Susanne. Dieses fehlerhafte Aussprechen  müsste einem dann doch eigentlich helfen, sich im Englischen oder in romanischen Sprachen sehr wohl zu fühlen, weil das dort der richtigen „s“-Artikulation entspricht.

Merkwürdigerweise drehen aber auch allererste österreichische Berufssprecher jetzt automatisch ihre „s“-Artikulation um und sprechen dann Wörter, die beispielsweise mit „Signor“ zusammenhängen, in falscher Weise stimmhaft aus, auch das englische Wort „Sir“, wie es mir auch schon oft von der Bühne des Wiener Burgtheaters heruntertönte.
Und es klingt wirklich schrecklich, wenn man immer nur „songcontest“ hört mit stimmhaftem „s“ statt mit richtigem stimmlosem, was durchaus mit Sprachkultur zu tun hätte, denn Sprachkultur inkludiert selbstverständlich auch Sprechkultur. Die Ursache für dieses Manko der Verdrehung aber liegt gewiss daran, dass man irgendwann einmal in der Schule gelernt hatte, dass das Englische und die romanischen Sprachen das „s“ je nach seiner Stellung im Worte genau umgekehrt behandeln wie die deutsche Sprache. Und damit wird man automatisch auf diesen Vorgang der Umkehrung konditioniert. Da die Österreicher das Deutsche im Falle „s“ fehlerhaft aussprechen, ihnen das aber nicht bewusst ist, folgen sie nun bei den genannten Fremdsprachen nur mehr der Konditionierung „umkehren!“, um damit wieder – unwissentlich! – bei einer fehlerhaften Aussprache zu landen.
Das alles gilt natürlich nicht für den trainierten und häufig englisch sprechenden Österreicher,  sehr wohl aber für denjenigen, der nur manchmal ein englisches Wort verwendet.
Auch soll alles, was hier  angeführt wird, nicht dazu dienen, um Menschen, die dialektisch eingefärbt sprechen, herabzuwürdigen, nein, sicher nicht! Sondern es soll nur gezeigt werden, wie wenig wir über ein richtiges Wechselspiel zwischen Lautung und Schreibung tatsächlich wissen und wir von unbewussten Konditionierungen beherrscht werden! Was aber dabei doch ein wenig aufregt, das ist, dass innerhalb eines üblicher Weise zwölfjährigen Deutschunterrichts und oftmals achtjährigen Englischunterrichts und vielfach weiterer Unterrichtsjahre in anderen Fremdsprachen kaum ein Lehrer auch nur eine Schulstunde Zeit findet, seinen Schülern dieses Einmalseins einer korrekten Wechselbeziehung zwischen Lauten und Buchstaben klar zu machen. Warum wohl? Weil viele es selbst nicht wissen. Und die Lehrer der Lehrer auch nicht. Und leider wird damit doch ein hohes Maß an Sprach-Unkultur evident.
Warum ist das so? -  Nun, es ist ja bekannt, dass ein kleines Kind von Natur aus in seinen ersten fünf bis sechs Lebensjahren jedwede Sprache zu erlernen vermag, sogar zwei oder drei nebeneinander, akzentfrei, ohne sie dabei zu vermischen, auch bei kompliziertesten grammatikalischen Strukturen. Diese Begabung zählt ja auch als ein Beweis dafür, dass die Evolution des Menschen monogenetisch erfolgt ist.
Und das Baby lallt, quietscht, gurrt, brummt und übt dann instinktiv alle etwa 150 Laute, die zu bilden die menschlichen Artikulationswerkzeuge imstande sind. Im Laufe der Jahre verkümmern aber diejenigen Laute, die das Baby nicht braucht und es konzentriert sich immer mehr nur auf die Laute, die in der zu erlernenden Sprache oder auch den zu erlernenden Sprachen   verwendet werden, das sind beispielsweise in der deutschen Sprache an die 80 verschiedenen Laute.


Nun, von Anbeginn der Menschheit wurde Sprache nur mündlich und über das Gehör weitergegeben. Das Gehör ist auch jener Teil des Körpers, der nach dem Genitalbereich mit den meisten Nerven ausgestattet, also überaus empfindlich ist, dabei übrigens auch derjenige Körperteil ist, der noch am wenigsten erforscht ist und beim Tode eines Menschen als letzter abstirbt.
Erst vor etwa fünftausend Jahren aber, evolutionsgeschichtlich also vor allerkürzester Zeit, kam es bei der ausschließlich akustisch wirksamen Sprache zu einer optischen Entsprechung durch die Erfindung der Schrift. Eine Revolution! Jetzt konnte man Sprache per Schrift fixieren, speichern,  transportieren und vervielfältigen, wenn anfangs auch nur mühsam „per einzelne Hand“. Diese Erfindung der Schrift trug sicher auch zu einer wesentlichen Steigerung aller kulturellen Erfolge des Menschen bei.
Und im 15. Jahrhundert kam es zur nächsten Revolution durch die Entdeckung der „Schwarzen Kunst“: den Druck. Das Fixieren und Kopieren von Schrift ließen sich nun um ein Vielfaches beschleunigen. Und seit kurzer Zeit stecken wir in der nächsten Revolution durch die Möglichkeiten der Elektronik: Sprache - schriftliche und auch wieder mündliche! - , Töne und  Bilder können in Lichtgeschwindigkeit ins ganze Weltall versandt werden, in Grenzen sogar durch behindernde Mauern.
Wenn aber nun ein Kind nach dem mündlichen Erlernen seiner SPRACHE – oder einiger Sprachen - in die Schule kommt, wird es durch das notwendige Erlernen der SCHRIFT so gnadenlos umprogrammiert, dass es ganz auto-matisch den Buchstaben für die kleinste Einheit auch der mündlichen Sprache zu halten beginnt – was zu beweisen war. Es scheint so, dass man sofort an Schrift denkt, wenn von Sprache gesprochen wird. Aber noch gebührt der Sprache die Dominanz bei diesem Kommunikationsmittel, noch ist die mündlich entwickelte Sprache die Mutter der Schrift. Und noch heißt unser Thema übergeordnet: „Kultursprache – Sprachkultur“. Das schließt Schrift mit ein, aber Sprache nicht aus.
Die Lehrer versuchen natürlich nicht mit Absicht, ihre Schüler in der genannten Richtung zu konditionieren. Aber auch ihnen ist das Bewusstsein dafür verloren gegangen, dass es zum Einmaleins der Sprachbeherrschung gehört, Laute und Buchstaben, Sprache und Schreibung, genauestens differenzieren zu können.
Und auch unsere großen Dichter und Literaturwissenschafter leiden an diesem Bewusstseinsmangel, mag es sich um Hans Magnus Enzensberger oder Marcel Reich-Ranicki handeln oder sogar um Literaturnobelpreisträger Günter Grass, die sich, zusammen mit anderer Literaturprominenz, unisono gegen eine Rechtschreibreform gewandt hatten, eigentlich in absoluter Unkenntnis dessen, was da abgehandelt wurde. Gerade diese hohen Repräsentanten der deutschen Sprache hätten aber das Ihrige dazu beitragen können, dass es zu einer sinnvollen Kultivierung unserer deutschen, höchst abstrusen Rechtschreibung  hätte kommen können. Denn schon im Jahre 1902, als man sich endlich zu einer Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung entschlossen hatte, machte Konrad Duden darauf aufmerksam, dass dies nur als ein  vorübergehender Erfolg angesehen werden könne, der einer baldigen Verbesserung bedürfe.

Auf diese warten wir noch heute – und wahrscheinlich noch viele Jahrzehnte, war doch die sogenannte Rechtschreibreform aus dem Jahre 1996 nur armse-liges Stückwerk, hat aber durch ihre Durchführung für lange Zeit alle Chancen auf vernünftige Regelungen verspielt. Denn was in anderen Sprachen möglich ist, z.B. im Kroatischen, dass nämlich Laute und Buchstaben einander klar entsprechen, wäre selbstverständlich auch in der deutschen Sprache denkbar.
Voraussetzung dafür wäre aber natürlich, dass man zumindest mit dem Einmaleins unserer deutschen Laut- und Buchstabenbeziehung vertraut ist, wie wir sie jetzt in kürzester Zeit zumindest andeuten konnten, und dass man sich nicht abhängig zeigt von allen nur vorstellbaren und nicht vorstellbaren Vorurteilen, und dass man bereit ist, einfachen und vernünftigen Überlegungen zu folgen.
Schon 1948, das ist mir aus meiner Schulzeit in lebhaftester Erinnerung, hat man nach heiß geführten Diskussionen im gesamtdeutschen Raum auf eine Reform verzichtet, beispielsweise auf die sogenannte „gemäßigte Kleinschreibung“, die man aber damals durchaus in Dänemark für die dänische Sprache gegen lautstarke Gegner durchsetzen konnte, und zwar mit größtem Erfolg, denn heute kräht kein Hahn mehr danach. Denn einer Großschreibung bedürfen wir weder in der mündlichen Sprache, noch in der Stenografie, wobei gerade  Stenografen für juristisch einwandfreie Darlegungen  bürgen müssen.    
Vielleicht findet sich aber Hoffnung bei Nestroy, wenn er feststellt: „Die Zeit ändert viel“. Denn mit größter Selbstverständlichkeit wird heute akzeptiert, dass  Computer mit kleiner Schrift arbeiten und die hochgeschätzten Eigennamen, denen man ja selbst in einer „gemäßigten Kleinschreibung“ die Großschreibung zubilligte, in ihren E-Mail-Adressen sich ganz automatisch und völlig klaglos  der Kleinbuchstaben befleißigen. Denn die technischen Bedingungen, die verlangen das halt so. Und niemand protestiert jetzt mehr mit Formulierungen wie „Tradition“ oder „Aufgabe eines kulturellen Gutes“. Auch wäre das nur eine oberflächliche Alibifunktion eines Kulturbegriffes.
Kurz soll nur noch auf vier weitere Beispiele von Unsinnigkeiten in  der  deutschen Rechtschreibung hingewiesen werden, die  spielend leicht zu bereinigen wären:
Erstens ist es wirklich unbegreiflich, warum wir für den einzelnen Laut „sch“ drei Buchstaben benötigen. Die englische Schreibweise mit „sh“ ohne „c“ genügt. Wozu schleppen wir das laufend mit? Und im Russischen reicht sogar ein einziger Buchstabe.
Zweitens könnte man ebenso einfach bei den  „tz“-Schreibungen grundsätzlich auf das unnötige „t“ verzichten, da doch „tz“ und „z“ lautlich zusammenfallen.
Drittens führen die  beiden geschriebenen Buchstaben „v“ und „f“ für ein und denselben gesprochenen Laut zu unnötigen Komplikationen. Ein einziges Schriftzeichen für diesen einzelnen Laut würde genügen.
Und viertens findet sich die schlimmste aller Rechtschreibsünden  bei der Trennung der Silben in Wörtern wie sehen, nähen oder Lohe am Ende einer Zeile, also beim sogenannten Abteilen: In allen diesen und ähnlichen Wörtern steht  ein stummes Dehnungs-„h“, das nichts anderes besagt, als dass der davorstehende Vokal lang ist.

Bei diesem „h“ zu verlangen, dass es in der nächsten Zeile stehen muss, also damit quasi die nächste Silbe beginnt, der Bezug zum davorstehenden Vokal aber total verloren geht, das ist der widersinnigste Widersinn, den man sich nur vorstellen  kann.   Auch  verführt diese Regel Menschen automatisch dazu, dieses „h“ auszusprechen, besonders wenn sie sich um eine „gute Aussprache“ bemühen. Nirgends fällt übrigens  diese Untugend so sehr auf, wie in der am meisten exponierten Stelle von Richard Wagners „Lohengrin“, wo nachweisbar neun von zehn  noch so berühmten Tenören, wenn sie sich als Sohn Parsifals zu erkennen geben müssen, singen: „Sein Ritter, ich, bin Lo-Hengrin genannt!“ – und sich dabei vom „h“ mit kräftiger Stimme abstemmen, dass es nur so eine Freude ist. Aber im Wort „Lohe“ gibt es kein „h“, sondern nur ein langes „o“, das man unter Umständen auch mit zwei „o“ hätte schreiben können.
Die deutsche Rechtschreibung ist also äußerst reformbedürftig geblieben.
Aber auch die konfuse Anordnung unserer Buchstaben auf den Tastaturen der Computer in alter Tradition könnte man günstiger, bequemer und effektiver gestalten, wie ausführliche Untersuchungen ergeben haben. Aber die Industrie scheut eine diesbezügliche Veränderung, da sie die Trägheit und Beharrlichkeit ihrer Kunden fürchtet, die eben auf alte und eingeschliffene Gepflogenheiten konditioniert worden waren.
Will man also tiefer in die umfassende Thematik von „Kultursprache und Sprachkultur“ eindringen, so heißt es vorweg, dieses Verwirrspiel, das zwischen unseren Begriffen von Sprache und Schrift besteht, vorurteilslos zu durchleuchten und Konditionierungen, denen wir im Zusammenhang von Sprache und ihrer Schreibung erlegen sind, zu hinterfragen; wobei ja der Mensch überhaupt, und  zwar in höchstem Maße, verschiedensten Konditionierungen unterworfen sein kann, denken wir vor allem auch an weltanschauliche Programme, die uns beherrschen. Hier müssen wir unseren  kontrollierenden Verstand einsetzen und Sokrates folgen, der schon zu Beginn unseres abendländischen Denkens die Forderung aufstellte, immer wieder mit den Mitteln des Nachfragens und Anzweifelns nach Erkenntnissen zu suchen, eine Forderung allerdings, für die er mit seinem Leben büßen musste.  Trotzdem: Nur dieser Weg  garantiert  kulturellen und humanen Fortschritt. 



(Diese Abhandlung wurde am 9.Mai 2008  im Rahmen der Zehnjahresfeier des Bestehens der „Interessensgemeinschaft Muttersprache“  in Graz vorgetragen.)