Rezitationen / Abraham a Sancta Clara
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Abraham a Sancta Clara

Abraham a Sancta Clara (Johann Ulrich Megerle) 1644 - 1709


Ergötzliches und Treffliches aus dessen Predigten und Traktaten, zusammengestellt und vorgetragen von Rainer Hauer.

Abraham a Sancta Clara lebte von 1644 bis 1709. Ihm wird nach Martin Luther der größte Einfluß auf die Entwicklung des Neuhochdeutschen zugeschrieben und er gilt als der eigentliche Begründer der deutschen Schriftsprache.

Aus seinem unendlich reichen Werke werden in diesem Programm sechs Themenkreise vorgestellt: Was ist die Welt? - Des Menschen Leben und Vergänglichkeit - Völlerei und Trunksucht - Liebe und Ehe - dem Geld ist alles untertan! - Treu und Redlichkeit.

Ernstes und Heiteres, Besinnliches und Witziges, Moralisches und Unmoralisches in einer von überreichen Bildern strotzenden Sprache, aber von jedermann verständlich, dem Volke aufs Maul geschaut, mitreißend, köstlich und aktueller denn je.

Die Premiere dieser Aufführung fand unter Mitarbeit von Hermann Beil am Wiener Burgtheater statt.

Abraham a Sancta Clara
Abraham a Sancta Clara

CD-Hörbuch

Hörbeispiel: Der Kotacker (Völlerei und Trunksucht)

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Rainer Hauer - Abraham a Sancta Clara

ISBN 978-3-9807299-0-1 (3-9807299-0-7)

€ 12.70

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Wissenswertes zu Abraham a Sancta Clara

Abraham a Sancta Clara ist erstaunlicher Weise ziemlich in Vergessenheit geraten. Dabei heißt es, daß nach Luther von ihm der größte Einfluß auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Sprache ausgegangen und es vor allem auch ihm zu danken sei, daß sich die deutsche Sprache gegenüber der latei­nischen als Schriftsprache durchsetzte, da er - bis auf Ausnahmen - alle Schriften, die an offizielle Stellen (Ämter, Kanzleien, Kirchen) gerichtet waren, eben nicht in lateinischer Sprache, wie damals noch üblich, sondern in deutscher Sprache verfaßt hatte. Denn die Vorbildwirkung und der Ruf des "kaiserlichen Hofpredigers" Abraham a Sancta Clara waren außerordentlich, sodaß auch noch Maria Theresia, die ja erst eine klare Generation nach Abraham a Sancta Clara lebte - sie wurde erst acht Jahre nach dem Tode Abrahams geboren - , bei entsprechenden Gelegenheiten als höchstes Lob zu sagen pflegte: "Er spricht deutsch wie Abraham a Sancta Clara!"

Literaturgeschichtlich gelten ja Grimmelshausen und Abraham a Sancta Clara als die bedeutendsten deutschen Prosaschriftsteller des siebzehnten Jahrhunderts. Dabei zeichnet sich Abrahams Prosa durch ständige Wort-, Laut- und Buchstabenspiele, originelle Redewen­dungen und einem ungeheuren Metaphernreichtum aus, die auch unablässig in rhetorische Figuren einfließen, sodaß eine fortlaufende "poetische Bindung" entsteht, in die sich auch hin und wieder eingestreute Stellen in klarer Gedichtform harmonisch einfügen.

Die zahllosen Bilder und Metaphern, mit denen Abraham a Sancta Clara geradezu lustvoll um sich wirft, stammen dabei fast
ausnahmslos aus dem täglichen Leben und sind daher von jedermann verständlich. Sie überrumpeln einen geradezu. Bei Abraham kann man zu Recht sagen: "Er hatte dem Volke aufs Maul geschaut".

Abrahams Werke schreien dabei grundsätzlich nach dem gesproche­nen Wort, mag es sich nun um aufgezeichnete Predigten oder Predigtteile handeln oder primär um Schriften und Traktate. Alles drängt zur gesprochenen Sprache, die man hören muß: Laute und Lautgebilde und rhetorische Variationen und Steigerungen. Und erst, wenn sie laut gesprochen wird, erfährt Abrahams Sprache (und nicht "Schrift"!) ihre höchste und unvergleichliche Qualität. Und der volle ästhetische Genuß dieser Sprache erschließt sich erst über das Ohr.

Man mag darüber spekulieren, warum Abraham a Sancta Clara kaum noch bekannt ist. Im schwäbischen Raum, wo Abraham herstammt, oder im Raume Wien, wo er die längste Zeit gelebt hat, und in katho­lischen Gegenden erinnert man sich seiner vielleicht noch etwas eher.

Möglicherweise wurde Abraham in der Literaturbetrachtung der letzten Jahrzehnte als "zu affirmativ" eingestuft, weil er das damalige katho­lisch-hierarchische System nicht kritisch genug zu hinterfragen schien, wobei man dabei völlig übersah, daß die Menschen damals nach der geistigen Anarchie, die der Dreißigjährige Krieg mit sich brachte, wieder klare Orientierungshilfen benötigten; man weiterhin übersah, daß Abraham dort, wo er es für richtig hielt, nicht nur gegen den Ungeist vieler Geistlicher, sondern - zur Freude des Kaisers! - auch gegen den Ungeist des Hofes und des Adels heftig zu Felde zog; man schließlich noch übersah, daß Abraham mitten in seine Predigten aufklärende Worte dazwischenschob, die sich in keiner Weise mit der offiziellen Haltung des damaligen Katholizismus deckten, wenn er nämlich bei­spielsweise bei der Schilderung eines schwankenden Besoffenen er­klärte: "Daher kann einer mit Fug von einem vollen Mann lernen, daß alles, was in der Welt ist, nit bestehe, sondern um und um gehe!" Damit stellte sich Abraham in krassen Gegensatz zur "stählernen katholi­schen Achse Rom-Wien", die nach der Verbrennung Giordano Brunos und dem Widerruf Galileis sehr darauf erpicht war, Stabilität (mit der Erde als stabilem Mittelpunkt des Weltalls!) zu erhalten und zu lehren und kein Jota Bewegung und damit Veränderung zuzulassen.

Vielleicht ist man auch nach 1945 allem Rhetorischen gegenüber höchst mißtrauisch geworden, mußte man doch sehr leidvoll erfahren, wie mißbräuchlich und gleichzeitig erfolgreich diktatorische Systeme rhetorische Effekte im Zusammenspiel mit rhetorischen Begabungen (Hitler, Goebbels) zu nutzen wissen.

Wie und warum auch immer: Man freut sich, wenn es zu einer Zeit, in der es um Abraham a Sancta Clara etwas still geworden ist, wieder jemanden gibt, und zwar einen Autor der jüngeren(!) Generation, der das hohe Lob Abrahams verkündet, nämlich der gerade jüngst und viel zu früh verstorbene Thomas Kling in seinem Buche "Botenstoffe", Köln 2001, wo er sich auf Seite 73 mit folgenden Sätzen auf ein Hauptwerk Abrahams, nämlich auf "Mercks Wien" aus dem Jahre 1680 bezieht:

"Dieses totentänzerische, sprachspringlebendige Wien-Buch ist so reich an Sprache, stakkatohafter Erzählung, unbestechlichem Reportageblick und einschärfender Gescheitheit...; dieses urwienerische Memento Mori ist so reichhaltig, aus so unterschiedlichen Blickwinkeln von hohem Interesse - 'auch ein hundertäugiger Argus hätte gnug zu gaffen gehabt'.“
 
auf den Seiten 71 f. formuliert King:
Abraham a Sancta Clara "...beherrscht wie kein zweiter die Umgangs­sprache - den Slang - mit seinen die Sinnesorgane gewissermaßen in umwegloser Direktheit ansprechenden Redewendungen. Slang sprechen bedeutet ja, kein Blatt vor den Mund zu nehmen; Slang sprechen bedeutet die Direktwahl des schnellgesprochenen, schlagfertigen ... WITZIGEN Wortes, die vor schillernder Drastik in ihren wendigen Wendungen keineswegs zurückscheut. Man höre heute Rap, der in allen Sprachen erklingt - und könnte sich ... einen Eindruck davon verschaffen, mit welch eleganter Wucht, mit was für einem atemnehmenden Witz - ja, hier ist das Wort Wortwitz einmal am Platz - so ein Abraham von der Kanzel heruntergedonnert hat.  11 Und "seine redehafte Sprache ... hat im Schriftlichen, im Buchdruck, ihre Mimik und Gestik behalten können. Laut gelesen können wir die Erfahrung machen, daß dieses Stück Dichtung ... nach über dreihundert Jahren noch funktionieren kann; nicht toter Buchstabe bleiben muß, ... sondern gelesen, laut gelesen, kann Dichtung seine Apotheose erleben."

Daß Thomas Kling mit dieser Behauptung recht hat, konnte und kann der Unterzeichnete unter Beweis stellen mittels vieler Rezitationen eines von ihm zusammengestellten "Abraham a Sancta Clara"-Programms, dessen erste Vorstellungen am Wiener Burgtheater erfolgten und das danach an verschiedensten Orten (Theatern, Kirchen, Burgen, Klöstern Buchhandlungen und sonstigen Räumen) dargeboten wurde. Dieses Programm kann man auch - etwas verkürzt - über ein CD-Hörbuch kennen lernen.

Dr. phil. Rainer Hauer ao. Univ. Prof.

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